Fast wie im richtigen
Leben - SM-Gruppen und -Vereine
Max: "Tja, Sam, wenn hundert Jahre abendländische Zivilisation den Bach runtergehen müssen, damit ein Rudel übelriechender quasimenschlicher Kreaturen in Frieden seinen abstoßenden Lebensstil pflegen kann: mir soll's recht sein!" SM-Gruppen sind - wenn man nicht gerade das Glück hat, schwul zu sein - vielfach die einzigen Anlaufstellen für Einsteiger. Meist bieten sie darüber hinaus ein Angebot an Workshops, Gesprächsrunden und gemeinsamen Aktivitäten, das sie auch für erfahrenere Leute attraktiv macht, aber für Einsteiger ist die einfachste Kontaktmöglichkeit zur sadomasochistischen Subkultur in der Regel eine Gruppe vor Ort. Vorurteile über diese Gruppen sind eins der größten Coming-Out-Hindernisse. Manche fühlen sich diffus bedroht wie Sabine: "Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass es Vereine gibt, die was anderes sind als Swingerclubs und war auch der Meinung, wenn man einmal in die Fänge dieser Leute gerät, dass man dann ein echtes Problem hat und da auch nicht wieder rauskommt. Dass selbst, wenn man nicht mehr will, trotzdem weitergemacht wird. Das kam so aus dem Gefühl, weil, sind ja die Bösen."Andere befürchten eher, in nikotingelb gestrichene Selbsthilfegruppenräume zu geraten, wo einsame Männer in Gummi und Leder einander unter sozialpädagogischer Aufsicht ihr Leid klagen. Die meisten vorgefassten Ansichten über SM-Gruppen bedeuten aber in Wirklichkeit nur eines, und zwar: "Ich traue mich da nicht hin. Wer weiß, was mich da erwartet und ob ich damit fertigwerde." Es ist einfacher, daran zu glauben, dass die Trauben sauer sind, als sich einzugestehen, dass sich andere Leute trotz ihrer seltsamen Vorlieben ganz gut amüsieren, während man selbst noch auf den Nägeln kaut. Schließlich sind, selbst wenn sich alle Vorurteile bestätigen, nicht mehr als zwei Stunden unwiederbringliche Lebenszeit verplempert. Um den Mut zu finden, die entsprechenden Organisationen zu kontaktieren, hilft vielleicht das Wissen um einen Umstand: Jeder, der heute in einer SM-Gruppe engagiert ist, hat den gleichen Schritt irgendwann einmal hinter sich gebracht und fand ihn genauso schwer. Sabine berichtet: "Ich bin dann doch nicht auf der Psychologencouch gelandet, sondern ich habe Schreinemakers Live gekuckt, das war 92. Da hatte sich SMart Rhein-Ruhr grade gegründet und einer der Gründer saß da und hat davon erzählt. Und da hab ich Rhabarberblätterohren gekriegt und wollte einfach nur noch mehr drüber wissen, ich wollte da hin. Mein damaliger Freund war der Meinung, das wäre ein Swingerclub, da wollte er nicht hin. Ich hab mich dann durchgesetzt, hab drei Anläufe genommen, da anzurufen und beim dritten hab ichs dann mit roten Ohren geschafft und hab dann meinem Freund eröffnet: Am Donnerstag treffen die sich und ich geh da hin, was du machst, ist mir egal. Er ist dann mitgegangen und wir beide haben dann nach fünf Minuten etwa schon gemerkt, daß es das ist. Da war ich 22. Ich war damals noch eine der Jüngsten da. Das Treffen selbst war einfach nur lustig. Erst mal, es waren ganz viele. Wir waren damals, glaub ich, zwanzig Leute. Ich hab gedacht, wir wären ein versprengtes Grüppchen von drei, und davon sind zwei wir oder so. Es waren Leute mit Humor, mit denen man sich sehr gut unterhalten konnte, über SM, aber eben auch über andere Sachen. Vor allen Dingen, man konnte sich endlich mal über SM unterhalten. Vorher hatte ich ja nur meinen Freund und sonst niemanden. Und auch er hatte nur mich, und auch sonst niemanden. Und das Schöne war halt, es waren jede Menge Frauen da, die genau wie ich waren: schön, aufsässig, selbstbewußt, haben sich von niemandem was sagen lassen, und waren trotzdem M. Das war unheimlich wichtig. Nach so zwei, drei Treffen hab ich dann die Couch Couch sein lassen."Nach dem ersten Treffen berichten viele SMler von Überraschung und Erleichterung angesichts der Erkenntnis, dass sie mit ihren Wünschen keineswegs allein sind, und dass die anderen, die ähnliche Phantasien haben und sie in die Tat umsetzen, ganz normale Menschen mit ganz normalen Leben in ganz normalen Beziehungen sind. Die Vorurteile und Befürchtungen stellen sich meist als unbegründet heraus, und hinterher ärgert man sich lediglich darüber, dass man nicht schon viel früher auf die Idee gekommen ist. "Wochenlang war ich ganz euphorisch. Nach diesem ersten Treffen fühlte ich mich so erleichtert - die Welt sah plötzlich anders aus. Diese SMler waren gar keine fünfzigjährigen Lehrerehepaare mit schwäbischem Akzent und Gummimasken, sondern Leute in meinem Alter und mit meinen Interessen. Über SM war kaum gesprochen worden an diesem Abend, und wenn, dann in Form von Witzen oder selbstverständlichen Bemerkungen, was mir sehr angenehm war.Die Infrastruktur, die die Subkultur bietet, ist so nützlich wie unterhaltsam. Auch wer keinerlei Probleme mit seiner Sexualität hat und SM eigentlich nur ungestört im eigenen Schlafzimmer praktizieren möchte, profitiert meist vom Informationsangebot und den Veranstaltungen der nichtkommerziellen Gruppen - oft ist es ja doch ganz nett, mal über den eigenen Kellerrand hinauszublicken. "Die SM-Subkultur hat meine Entwicklung beeinflusst. Ich habe auf einmal einen Kreis von Leuten um mich, die mich verstehen, mit denen ich über wichtige Fragen reden kann, ohne mich verstellen zu müssen, ohne aufpassen zu müssen, was ich sage. Menschen, die andere anders sein lassen. Der Kontakt zu Gleichgesinnten hat mir meine Entwicklung leichter gemacht, weil ich mich austauschen konnte, mir schneller über mich selbst klar werden konnte, als es sonst der Fall gewesen wäre. Ich fühle mich einfach wohl unter diesen Leuten." |
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