| Die Namen ihrer Peiniger
war die erste Information, die sie nach Monaten erhielt. In der doppelwandigen
Holzkiste befand sie sich in einem absoluten Vakuum. Dort drang kein Licht
hinein und kein Geräusch. Colleens Welt war permanent dunkel und lautlos
- als ob sie plötzlich blind und taub geworden wäre.
Ebensowenig wie sie gemerkt hatte, daß Janice ausgezogen war, wußte Colleen, daß sie nach ein paar einsamen Monaten, in denen sie nur am Wochenende zu Hause gewesen war, wieder zurückkam, weil sie den Mann vermißte, den sie zu lieben glaubte. Außerdem überwand sie allmählich den Schock, eine Gefangene im Keller zu haben, und hatte genug von der langen, heißen Fahrt auf der Interstate 5. Inzwischen war auch das Wetter umgeschlagen, und das war etwas, das Colleen selbst in der Kiste auffiel. Auf die bernsteinfarbenen Hügel um Red Bluff, die der Sommer fast völlig ausgedorrt hatte, fielen die ersten Herbstschauer. Und als die Temperatur draußen sank, spürte Colleen, die noch immer nackt in der Kiste gefesselt war, die Veränderung. Als es in den Morgenstunden empfindlich kalt wurde, mußte sie schließlich um etwas zum Anziehen bitten. Darauf gab Cameron ihr das Hemd, das sie bei sich gehabt hatte, als sie entführt worden war. Doch das Wetter war nicht das einzige, was sich veränderte. Im November, nach sechs Monaten Gefangenschaft, sollte Colleen anfangen, sich nützlich zu machen. Für sein erstes Experiment, seiner Gefangenen eine sinnvolle Tätigkeit zu übertragen, mußte Cameron Hooker eine komplizierte Vorrichtung schaffen. Die Kopfkiste, mit der er Colleen entführt hatte, war nicht die einzige Kopfkiste, die Hooker gebaut hatte. Die zweite war größer und so schwer, daß Colleen sie im Stehen kaum tragen konnte. Doch jetzt wollte Hooker, daß sie diese schwerere Konstruktion tragen sollte, während sie für ihn arbeitete. Mit einem an der Decke angebrachten System aus Seilen, Rollen und einem, Wasserkanister, der etwa vier Liter faßte, schaffte Hooker ein Gegengewicht zu der Kiste, so daß man sie benutzen konnte. Während also der Kanister in der Luft hing, setzte er Colleen die sperrige Kiste auf den Kopf. Dann befahl er ihr, ein knotiges Stück Redwood-Holz abzuschmirgeln, das er mitgebracht hatte. Da sie nichts sah und das Gewicht der unförmigen Kiste nur zum Teil von dem Wasserkanister ausgeglichen wurde, arbeitete sie ziemlich ungeschickt, ganz auf ihren Tastsinn angewiesen. Nach einer so langen Phase der Bewegungslosigkeit, strengte die Arbeit sie zudem körperlich an, doch nach einigen Tagen hatte sie es geschafft. Inzwischen beschäftigte sich Hooker schon wieder mit einem neuen Projekt, einer weiteren Konstruktion für diesen Keller, der schon vollgestopft mit seinen merkwürdigen Gerätschaften war. Dieses Teil sollte unter die Treppe passen, deshalb gab er ihm eine dreieckige Form und machte es sehr klein. Es hatte eine Tür, eine Decke und sogar Licht - ähnlich einem merkwürdig geformten Wandschrank. Er ließ einen Betonboden ein, um das Ganze stabiler zu machen, und verkleidete die Wände zur Schallisolation mit Teppichstücken. Er nannte diesen neuen kleinen Raum ›die Werkstatt‹. Hooker holte Colleen aus der Kiste und packte sie in die Werkstatt, ohne Fesseln, aber immer noch mit verbundenen Augen. Er legte ihr einen großen Sack Walnüsse vor die Füße, und - nachdem die Tür verriegelt war - forderte er sie auf, die Augenbinde abzunehmen und die Nüsse zu schälen. Zum ersten Mal seit der Entführung, also nach vollen sechs Monaten, hatte Colleen kein Tuch mehr vor den Augen und konnte sehen. Sonst nichts. Doch nach einem halben Jahr fast vollständiger Blindheit grenzte es schon an ein Wunder, einfach ungehindert um sich blicken zu können. Alles war so hell. Die Werkstatt war zwar nicht viel größer als die Kiste, aber zumindest stand sie hochkant. Und sie konnte nicht nur sehen, sie konnte sich auch ein bißchen bewegen. Es gab sogar einen Stuhl. Sie untersuchte diesen Raum - wie hatte er ihn doch gleich genannt? - und stellte fest, daß sie sich in einem winzigen Bereich unterhalb der Treppe befand, auf allen Seiten von Wänden umgeben und mit nichts weiter als diesen Nüssen und einer nackten Glühbirne eingesperrt. Sie hatte zwar gehört, wie er einen Balken vor die Tür schob, doch sie probierte trotzdem, sie aufzukriegen, und drückte, so heftig sie konnte, dagegen. Die Tür bewegte sich nicht. Da sie nichts weiter tun konnte, machte sie sich an die Arbeit, knackte die Nüsse, löste die Kerne fein säuberlich aus den Schalen und aß ein paar. Sie arbeitete die ganze Nacht, wie man ihr aufgetragen hatte. Bevor er am nächsten Morgen zur Arbeit ging, kam Hooker in den Keller, um sie aus der Werkstatt zu holen. Er befahl ihr, die Augenbinde wieder anzulegen, bevor er die Tür aufmachte; sein Gesicht durfte sie immer noch nicht sehen. Dann legte er ihr wieder die Ketten an und packte sie in die Kiste. Mit diesem weiteren Platz für seine Gefangene änderte Hooker die alltägliche Routine. Colleen mußte zwar immer noch den ganzen Tag angekettet in der Kiste verbringen, doch am Abend sperrte er sie normalerweise in die Werkstatt. Zuvor durfte sie auf der Folterbank etwas essen, und manchmal hängte er sie noch an den Balken und streckte sie auf der Folterbank aus. Oft saß sie die ganze Nacht an einer Arbeit, die ihr Cameron oder Janice gegeben hatten, meist Makramee oder Häkelarbeiten. Obwohl das neue Arrangement aufwendiger und riskanter war, zahlte es sich schnell aus. Die Hookers verkauften Colleens Arbeiten auf einem großen Flohmarkt in San Jose. Auch wenn es nicht viel einbrachte, half es doch ein Stück weiter. Damit hatte sich Entscheidendes verändert in dem, was sich da vor der Außenwelt verborgen im Keller von Oak Street 1140 abspielte. Es ist nicht ganz klar, ob die Hookers in vollem Umfang erfaßten, was es bedeutete, Colleen für sich arbeiten zu lassen. Denn das war nicht einfach nur eine Beschäftigung für sie, sondern ihr Status innerhalb des Haushalts änderte sich. Nun war sie nicht mehr allein Entführungsopfer, Gefangene und Folterobjekt. Jetzt war Colleen Stan eindeutig die Sklavin der Hookers geworden. |
|
|