Von Fiktion und Wirklichkeit



Vorwort:
Die im Vorwort von "Das Paradoxon" erwähnt Kritik einer Chatterin hat mich zu dieser, meiner zweiten Kurzgeschichte, inspiriert. Sie handelt von einem fiktiven Besuch meiner Wenigkeit bei dieser Dame.
Film ab...

Während der langen Autofahrt quer durch Deutschland ging es ihm wieder und wieder durch den Kopf: "eigentlich total komisch, was ich da mache. Gut ich habe mich ja bereits zuvor schon mal mit einer Chatterin getroffen, aber mit dieser war ich wenigstens schon einigermaßen vertraut, habe oft im Chat mit ihr geredet und außerdem kam sie aus meiner Gegend. Aber mit IHR habe ich ja noch nicht einmal richtig gechattet und obwohl ich sie für eine der interessantesten Personen halte, von denen ich je gehört habe, kenne sie eigentlich überhaupt nicht. Wir haben uns ja grad mal ein paar E-Mails geschickt - na ja, aber sind es nicht eben diese E-Mails, wegen denen ich jetzt unterwegs bin...."

        Mit den E-Mails, an die er da denkt, hat es folgende Bewandtnis. In einem seiner ersten Mails hat er ihr eine selbstverfaßte Bondage-Geschichte geschickt. Dies ist sein erster und bisher einziger schriftstellerischer Versuch in dieser Richtung gewesen, ein Versuch bei dem er wohl etwas zu unüberlegt und nicht feinfühlig genug vorgegangen ist. Und eben die Geschichte wollte er ihr zeigen, ohne im Geringsten zu erwarteen, daß diese sie derart entsetzten könnte. Ihre Kritik ist schonungslos, ja fast schon unbarmherzig gewesen. Sie hat ihm unterstellt von Bondage und BDSM keine Ahnung, bzw. da etwas vollkommen falsch verstanden zu haben. Obwohl er das ganze für ein dummes Mißverständnis gehalten hat, ein Mißverständnis, daß wohl größtenteils darauf beruht, daß sie sich beide nicht besser kennen würden, hat er sie schließlich in seinem letzten E-Mail gebeten, ihm doch mal genau zu erklären, was sie denn unter BDSM verstünde und was nicht. Die Antwort hat ihn fast vom Stuhl geworfen. Anstatt ihm ihre Auffassung von BDSM ausführlich zu erklären, hat sie ihn einfach zu sich eingeladen, da sie der Meinung ist, so etwas könne man nur persönlich richtig und ohne weitere Mißverständnisse besprechen. Zuerst hat er gar nicht gewußt, wie er reagieren soll, hat gezögert, ist hin- und hergerissen gewesen, aber schließlich hat er ihr seine Zusage geschickt, schon allein, weil er der Meinung war, daß sein Leben bisher eh immer zu gleich und monoton verlaufen ist und etwas Abwechslung nicht schaden könnte.

        Aber jetzt, da er vor ihrem Haus steht, ist er sich nicht mehr sicher, ob seine Entscheidung richtig war. Immer wieder überprüft er die Hausnummer mit der aus seinem Ausdruck. "Ich hab mir diesen Freitag extra frei genommen, um möglichst lange mit ihr reden zu können", denkt er. "Jetzt sollte ich doch auch endlich aussteigen und nicht die nächsten paar Stunden hier im parkenden Auto verbringen". Entschlossen gibt er sich einen Ruck und verläßt das Fahrzeug. Anscheinend bemerkte sie seine Ankunft bereits, denn nach dem Klingeln vergehen nur wenige Sekunden, da öffnet sie auch schon die Haustür. Jetzt stehen sie sich zu ersten mal gegenüber - erfahren, wie der Andere aussieht. Sie erfüllt seine Vorstellung vollends, nein sie übertrifft sie. Zuerst fällt sein Blick auf ihr schwarzes tiefausgeschnittenes Kleid, dann auf ihr ebenso schwarzes, langes Haar in dem sich zahlreiche dunkelrote und nachtblaue Strähnen befinden. Schließlich bleibt sein Blick in der unergründlichen Tiefe ihrer Augen hängen - einer Tiefe, in der man hoffnungslos versinken kann. Seiner Meinung nach vergeht eine halbe Ewigkeit, bis sie endlich mit rauchiger, leicht tiefer Stimme die erlösende Formel spricht: "Willkommen, tritt ein!".
Ihm fällt nichts besseres ein, als den Gruß mit einem gestammelten "ähhh-aa-jaa-ha-hallo!" zu erwidern, worauf er jedoch zum ersten Mal ihr bezauberndes Lächeln zu sehen bekommt.

        Das große Wohnzimmer, welches sie nun betreten, ist ebenso interessant und geheimnisvoll wie seine Besitzerin. Dunkel eingerichtet, aber nicht unfreundlich, sondern irgendwie mystisch. In der Luft liegt ein seltsamer, für ihn bisher vollkommen unbekannter Geruch - wie eine Mischung aus verschiedenen Kräutern und Ölen. Die Regale beherbergen zahlreiche bemalte Tonschüsseln, Krüge und Kelche. Er bemerkt kleine Statuen - teilweise von Menschen, teilweise von Tieren bzw. Fabeltieren. Viele der Dinge, die er sieht, sind jedoch so fremd, daß er keine Ahnung hat, worum es sich dabei handeln könnte - fast so, als kämen sie aus einer anderen Welt. Jetzt fällt sein Blick auf einige Gemälde an den Wänden. Ihre Motive sind mindestens ebenso rätselhaft, wie viele der Gegenstände. Er erkennt Symbole und Runen, deren Bedeutung er sich jedoch nicht im entferntesten vorstellen kann. Auf dem ein oder anderen Bild sieht er ein Pentagramm und stellt beruhigt fest, daß die Spitze jedesmal nach oben zeigt.

        "Bitte setz dich doch", sagt sie und zeigt mit einer einladenden Geste auf ein großes schwarzes Ledersofa. "Möchtest Du einen Drink?". Nach mehrmaligen Räuspern fragt er, ob er einen Cuba Libre haben könne, woraufhin sie sogleich zu ihrer Hausbar geht und nach kurzer Zeit mit zwei großen Gläsern zurückkommt, von denen sie ihm eins reicht. Nach einem Blick auf sein Getränk fragt er: "Hast Du vielleicht etwas Eis?" und sie erwidert mit einem Lachen, welches so ansteckend ist, daß er sofort mit einstimmt: "Ob ich Eis habe? Aber natürlich!". Dann setzt sie sich neben ihn, hebt ihr Glas und bemerkt: "Auf das, was uns Spaß macht!". "Auf daß, was uns Spaß macht!", wiederholt er leicht irritiert und nimmt erst mal einen tiefen Schluck.

        Erst jetzt bemerkt er das große Ölgemälde, welches an der dem Sofa gegenüberliegenden Wand hängt. Es zeigt Stonehenge bei Sonnenuntergang. "Wunderschön!", stellt er erstaunt fest. "Wer hat es gemalt?" "Ich habe es gemalt", lautet ihre Antwort. "Aber die Wirklichkeit übertrifft dieses Bild bei weitem. Du solltest einmal Stonehenge in der Nacht des Julfests sehen und den Gesängen der Druiden lauschen". Nun beginnen sie sich zu unterhalten, lange und ausführlich. Und so wie das Eis in ihren Gläsern schmilzt, so schmilzt auch das Eis in ihm. Sein anfängliches Unbehagen, um nicht zu sagen seine Angst, ist nun schon vollkommen verschwunden. Nachdem sie ihm ein paar köstliche Käsesandwitches servierte, erklärt sie ihm die Bedeutung einiger der geheimnisvollen Gegenstände und Bilder. Er hört von Schutzrunen, von Zauberstäben und Gemmen - Dinge die er bisher nur aus Fantasy-Romanen kannte und erfährt vom Glauben und der Magie der alten Iren und Kelten. Sie reden über so viele Dinge, versuchen alles von einander zu erfahren - die Vergangenheit, die Hobbys, die Sorgen und Ängste.

        Wie gesagt, sie reden über alles mögliche - jedoch nicht über das eine, weswegen er eigentlich zu ihr gefahren ist. Nach einem Blick auf seine Armbanduhr stellt er erstaunt fest: "Verdammt, wie ist die Zeit nur so schnell vergangen? Es ist jetzt schon weit nach Mitternacht. Ich muß los, sonst schlaf ich noch während der langen Fahrt hinter dem Steuer ein. Und jetzt haben wir noch kein Wort über Bondage gesprochen!". "Dann bleib einfach!", entgegnet sie. "Wir haben doch noch ein ganzes Wochenende vor uns". Er unternimmt den zaghaften Versuch eines Widerspruchs: "Aber ich weiß nicht, ich ähh hab doch gar keinen Schlafanzug dabei und ...". "Den wirst du auch nicht brauchen.", fällt sie ihm lächelnd ins Wort. "Los, zieh dich aus!". "Aah,  aber ich dachte, wir wollten nur darüber reden", stottert er, obwohl ihm mit einem Mal bewußt wird, daß dem wohl nicht so ist. "Nun mach schon" fordert sie ihn erneut - diesmal etwas energischer - auf, "du willst doch heute noch was lernen, oder?".

        Völlig verdutzt beginnt er sich tatsächlich auszuziehen, fragt aber vorsichtshalber: "Alles?". "Alles!", lautet die Antwort, welche er nicht anders erwartete. Schließlich steht er vollkommen nackt vor ihr und ist so perplex, daß er nicht einmal daran denkt, sein Glied mit den Händen zu bedecken. Sie mustert ihn eine Zeitlang eindringlich und meint endlich: "Morgen müssen wir uns mal über richtige Ernährung und Fitnessübungen unterhalten. Aber jetzt hab ich was für dich - komm mit". Sie geht mit ihm in die Küche und öffnet den Kühlschrank. Da er erwartete noch etwas Leckeres zu essen zu bekommen, überrascht es ihn vollkommen, was sie aus dem obersten Fach holt - ein Paar silberne, glänzende Handschellen. Sogleich nimmt sie seine Hände und legt ihm die stählernen Fesseln an - ganz langsam, so daß er jeden einzelnen Klick der Bügel vernehmen kann. Obwohl er dieses Geräusch schon oft zuvor gehört hat, erscheint es ihm nun, da er es nicht selbst verursacht, gleich hundertfach erregender. Hinzu kommt die eisige Kälte des Stahls, welche seinen gesamten Körper in wohligen Schauer erzittern läßt. Natürlich entgeht ihr nicht, daß sein Schwanz bereits jetzt vollkommen steif geworden ist.

        Sie führt ihn wieder zurück ins Wohnzimmer und fragt schließlich: "Du weißt, was jetzt kommt?". Er ahnt es und erwidert: "Das Halsband?", was sie mit einem Nicken bestätigt. "Noch kannst du zurück", meint sie, "Bist du dir sicher, daß du weitermachen willst?". Ohne zu zögern bejaht er diese Frage. Daraufhin geht sie zu einer kleinen Holzschatulle und entnimmt ihr ein schwarzes Lederhalsband. Nachdem er sich auf ihr Geheiß hinkniete, legt sie ihm das Halsband um - eng, jedoch nicht zu eng und verschließt es mit einem kleinen Messingschloß. Dann nimmt sie seinen Kopf in beide Hände und haucht ihm ins Ohr: "Jetzt gehörst du mir. Und zwar mit Körper und Seele!". Dieser Augenblick ist zu feierlich, als daß ihm eine geeignete Antwort eingefallen wäre - so schweigt er nur und schließt seine Augen. Und bevor er sie wieder öffnen kann, bemerkt er, wie sie ihm mit einem weichen Samttuch verbunden werden.

       Nun heißt sie ihn wieder aufzustehen, nimmt ihn am Arm und führt ihn dann behutsam in ein weiteres Zimmer. Dort geleitet sie ihn zu einem großen Bett, auf welches er sich legen soll. Anschließend geht sie zur Stereoanlage und legt eine CD ein. Er vernimmt eine Musik ähnlich der, die er von ihrer Homepage kennt. Sphärische Klänge, gleichsam beruhigend und doch auf seltsame Weise erregend. Während er noch der Musik lauscht, nimmt sie zwei Seile und bindet mit dem Kürzeren seine Handschellen am Kopfende des Bettes fest. Das Längere verwendet sie, um seine Fußgelenke geschickt zu fesseln und am unteren Ende des Bettes zu fixieren, so daß er nun ausgestreckt daliegt. Plötzlich kommt ihm in den Sinn: sie haben ja nicht einmal ein Safeword ausgemacht, aber irgendwie ist er überzeugt, daß dies auch nicht notwendig ist, daß er ihr bedingungslos vertrauen kann und sie nichts tun würde, was ihm schaden oder auch nur mißfallen könnte.

        Gespannt harrt er der Dinge die nun kommen. Zuerst beginnt sie seine Brust mit ihren Händen zu massieren, langsam und gefühlvoll. Da dies die erste Massage seines Lebens ist, weiß er nicht, ob das Gefühl immer so herrlich ist, kann sich das aber nicht vorstellen. Nach einer halben Stunde massieren, geschieht erst einmal ein paar Minuten lang überhaupt nichts mehr und er befürchtet schon, daß sie vielleicht gegangen sein könnte. Aber dann bemerkt er, wie etwas heißes auf seinen Bauch tropft - knapp neben den Nabel und dann rauf bis zu seiner Brust. Sie weiß genau, wie tief sie die Kerze halten darf, so daß das Wachs zwar sehr warm, aber noch nicht schmerzend heiß ist. Anschließend entfernt sie die Wachstopfen von seinem Körper und fährt mit einem großen Eiswürfel über die gerötete Haut, wieder angefangen beim Bauchnabel, langsam höher und herum um seine Brustwarzen. Diese Prozedur wiederholt sie noch mehrmals. Hitze und Kälte, Feuer und Eis - die abwechselnde Anwendung dieser Gegensätze entlockt ihm ein lustvolles Stöhnen nach dem anderen, steigert seine Erregung fast ins Unerträgliche.

        Schließlich, einem Akt der Erlösung gleich, fühlt er ihre feuchten Lippen seinen harten Schwanz umschließen, fühlt wie ihre Zunge seine Eichel liebkost. Was dann folgt, ist der beste Orgasmus seines Lebens. Ein Gefühl, das sich nicht nur auf seinen Unterleib beschränkt, sondern seinen gesamten Körper erbeben läßt. Die Muskeln wollen sich anspannen, aber die straffen Fesseln lassen das nicht zu, und so kommt es zu einer Intensivierung des Höhepunktes, wie er sie noch nie zuvor erfahren hat. Nach kurzer Zeit befreit sie ihn von der Augenbinde und den Fußfesseln, küßt ihn auf die Stirn und flüstert bezaubernd lächelnd: "Gute Nacht, schlaf schön". Dann löscht sie das Licht und verläßt das Zimmer, jedoch ohne ihm zuvor auch noch die Handschellen abzunehmen. Während er vergeblich versucht einzuschlafen geht ihm wieder und wieder durch den Kopf: "Die Geschichten, die ich auf ihrer Homepage gelesen habe, waren also doch nicht alle erfunden - ich habe es geahnt!".
 

(Von Atame für A.)


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